Kunst statt Kohleim Bauch einesumgebautenLastenkahnes.

Semi-professionelle (aber nicht primär kommerziell ausgerichtete) Kunstgalerien auf Vereinsbasis: Das ist eine deutsche Eigenheit in der europäischen Kulturszene – Einen Kunstverein gibt es in jeder größeren Stadt in Deutschland, so auch in Würzburg. Mit dem Gründungsjahr 1989 ist der Würzburger Kunstverein noch recht jung, dafür verfügt er aber über einen wohl einmaligen Ausstellungsraum: Ein zur schwimmenden Galerie umgebautes ehemaliges Frachtschiff, das Kunstschiff „Arte Noah“.

Eine Ausstellung unter professionellen Bedingungen
Mehrere dutzend Wechselausstellungen waren hier seit der Vereinsgründung zu sehen, darunter zahlreiche Künstler von „Rang und Namen“. Eine würdige Spielstätte also. Für eine Ausstellung mit Arbeiten aus dem Kunst-Leistungskurs vielleicht eine Nummer zu groß? Dafür war andererseits das Angebot, zum Saisonauftakt ein Wochenende lang den Galerieraum der Arte Noah nutzen zu dürfen einfach zu reizvoll, um es abzulehnen. Der Vorstand des Kunstvereines hatte nämlich die Idee, durch die gelegentliche Einbindung von Schulen neues Publikum auf das Kunstschiff zu locken. Und umgekehrt bot sich die Chance, der Schule und dem Unterricht eine Realität zu verleihen, die sich nicht nur in der Ernsthaftigkeit bildnerischer Arbeit niederschlagen sollte, sondern eine ganze Palette an „reellen“ logistischen und organisatorischen Fähigkeiten einforderte.

Ausstellungsbesucher im Inneren der Arte Noah

Da zu diesem Zeitpunkt gerade zeitgleich unter unserer jeweiligen Leitung (Sabine Blum-Pfingstl am Wirsberg-, Hubert Pfingstl am Röntgen-Gymnasium) Kunst-Leistungskurse eingerichtet waren, bot sich diese Konstellation für eine gemeinsame Ausstellung an. Zumal sich beide Schulen unweit des Liegeplatzes der „Arte Noah“ befinden.

Konzeptkunst im Schiffsbauch
Von Anfang an war für uns als Kursleitern klar, dass der außergewöhnliche Rahmen – zum einen die Chance, in einem professionellen Umfeld ausstellen zu dürfen, zum anderen die Tatsache, dass sich die Galerie in einem Schiffsrumpf befindet - einer adäquaten Form bedurfte. Also eine speziell auf den Ort hin zugeschnittene Präsentation.
Da beide Leistungskurse zusammen über insgesamt 24 Kollegiatinnen und Kollegiaten verfügten, wurde schnell klar, dass der Ausstellungsraum letztendlich keine allzu großen Freiräume für die einzelnen Kursteilnehmer bot.
So kam die Idee, jeweils alle Beteiligten gleich den ganzen Galerieraum gestalten zu lassen. Freilich nicht wirklich reell, sondern in Form eines Raummodells: So bestand die Möglichkeit „en miniature“ ganze komplexe Rauminstallationen zu entwickeln …

Eingang der Arte Noah

Modelle als Ideen-Frachträume
Durch die Materialspende einer örtlichen Großschreinerei stand für jeden der Beteiligten schließlich ein maßstabsgetreues Raummodell von über einem Meter Länge zur Verfügung. Voraus ging allerdings eine Materialschlacht ohne Beispiel, denn die Modelle mussten im schulischen Werkraum erst einmal verschraubt, die „Bullaugenfenster“ gefräst, sowie Boden und Wände gestrichen werden. Beste handwerkliche Leistung also.

Arbeit von Marc Möldner „Treibgut”

Nun ging es um die gestalterisch-künstlerische Arbeit: Die Leistungskursteilnehmer sollten nun jeweils eine modellhafte Ausstellung gestalten, die konzeptuell auf den Ausstellungsraum eingehen, also die Themenkreise „Schiff“, „Fracht“, „Wasser“ etc. in einer Rauminstallation verarbeiten sollte. „Frachträume“ war dann schließlich auch der Titel der ganzen Ausstellung, deren einzelne Modelle von erläuternden, poetischen bis hin zu zur Mitarbeit aufordernden Texten der Schüler begleitet wurden.

Von der Bugwelle bis zum Schiffstäbchen
Das zur Verfügung stehende Material und das Bewusstsein um die Besonderheit des Ausstellungs-Ortes verfehlte seine motivierende Wirkung bei den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern nicht: Bei mancher Arbeit hätte man sich die Umsetzung „in groß“ gewünscht. So entpuppten sich Bilder „Konkreter Kunst“ als nautische Flaggen, dreidimensionale Drahtgebilde ließen ehemalige Frachtstücke sichtbar werden, eine Art Negativform aus verfestigtem Sand ließ die Form des Schiffsrumpfes mitsamt der Bugwelle als plastischen Gebilde entstehen. Mit dem Thema „Wasser“ befasste sich auch eine Arbeit, die den gesamten Schiffsrumpf mit begehbaren Leuchtkästen ausstattete, die Farbfotos von Wasseroberflächen des Maines zeigten. Aber auch eher kuriose Konzepte hatten ihren Platz: Eine auf den Boden aufgemalte topografische Karte zeigte in absurdem Mix bekannte wie exotisch klingende Namen von Städten, die sich alle tatsächlich an der Rhein-Main-Donau-Wasserstraße befinden. Eine andere Arbeit ließ den Besucher in einem überdimensionalen Kickerspiel herumflanieren: Mit Bojen an Stelle hölzerner Fußballer. Auch „Schiffstäbchen“ waren zu bewundern: überdimensionale Schiffsteile in echter Panade...

Ein Abgesang auf den Kunst-Leistungskurs
Bei dieser Fülle von quasi 24 Ausstellungen in einer durfte es nicht wundern, dass die Präsentation mit über 500 Besuchern in nur drei Tagen eine der erfolgreichsten des Kunstvereines wurde.
Man mag zu Recht einwenden, dass solch eine aufwändige Aktion nicht jederzeit im alltäglichen Schulgetriebe machbar ist. Dazu ist neben dem Engagement der Beteiligten und dem benötigten Material nun mal eine ausreichende „Ausstattung“ mit Wochenstunden Voraussetzung. Aktionen wie diese sind bislang allenfalls im Rahmen des pro Woche fünfstündigen Leistungskurses machbar. Und selbst hier wurde so manche Wochenend-Sonderschicht eingelegt, um rechtzeitig zur Eröffnung fertig zu werden. Auch Klassenstärken von bis zu über 30 Schülerinnen und Schülern würden ein ähnliches Konzept mit einer regulären Schulklasse beträchtlich erschweren. Warum aber überhaupt solch ein Aufwand? Gymnasiale Kunsterziehung sollte zumindest gelegentlich mehr sein können und tiefere Erfahrungen bieten, als dies in großenteils einstündigem Regelunterricht möglich ist. „Individuation“ braucht nun einmal einen geeigneten zeitlichen wie personellen Rahmen.
Der Kunst-Leistungskurs war dazu bislang zumindest strukturell in der Lage. Mit dem Ende der Kunst-LKs wird der gymnasiale Kunstunterricht zwar nicht versenkt, die Flotte aus hoffnungslos überfüllten einstündigen Jahrgängen verliert aber ihr herausragendes Flaggschiff, das bisher echten Tiefgang hatte.

© Wirsberg-Gymnasium Würzburg · Röntgen-Gymnasium Würzburg · Kunstverein Würzburg e.V.